24.01.2024 / Knud Wassermann

Das Notizbuch – der ständige analoge Begleiter

In der digitalen Welt von heute wirkt das Notizbuch wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Trotzdem wurde es als analoges Medium, in dem man Erlebtes, Gedanken und Ideen festhält, nicht vom Smartphone, vom Tablet oder vom elektronischen Notebook abgelöst.
 
Es ist bemerkenswert, dass das Notizbuch seine Rolle und seinen Stellenwert als ständig verfügbares analoges Speichermedium für Termine, Daten, Erlebnisse oder Ideen behaupten konnte. Und das in einer Welt, in der die Digitalisierung immer weiter voranschreitet. So ist es zum Beispiel in einzelnen Ländern möglich, sich seinen Führerschein in digitaler Form für das Smartphone ausstellen zu lassen.
 
Warum wandert also das Notizbuch nicht auch in ein elektronisches Gerät? Manufactum, ein Händler, der sich als Anbieter von langlebigen Produkten positioniert, versucht auf seiner Online-Plattform diese Frage zu beantworten: «Das Notizbuch wird zu einem treuen Freund, einem ständigen Begleiter, der uns dazu animiert, persönliche Eindrücke festzuhalten – ob allein für uns oder für die Nachwelt. Wir behalten die Übersicht, indem wir die Gedanken auf Papier bannen und sie damit greifbarer machen.» Zudem würden sich mit der Hand geschriebene Aufzeichnungen besser im Gehirn einprägen.
 
Trend zur Handschrift
Ein weiterer Erklärungsversuch ist der Trend zum so genannten «Journaling», eine moderne Bezeichnung für das Führen des guten alten Tagebuchs. Eine weiterentwickelte Form ist das «Bullet Journaling». Dabei handelt es sich um einen selbst gestalteten, personalisierten Kalender, in dem man Termine, Aufgaben und Ziele einträgt, aber auch Platz für Selbstreflexion und Inspiration ist. Dem an ADHS leidenden Erfinder Ryder Carroll soll es damit gelungen sein, Klarheit und Fokus in sein eigenes Leben zu bringen. Mittlerweile vertrauen viele Menschen dem «Bullet Journaling», um auf diese Weise den Überblick zu behalten.
 
Die Medizinerin und Schreib-Therapeutin Silke Heimes geht in ihrer Analyse sogar noch einen Schritt weiter und sieht in der neuen Lust am Schreiben vor allem eine Sehnsucht nach Verlässlichkeit in unsicheren Zeiten: «Schreiben ist eine Rückbesinnung auf sich selbst in einer Welt, die uns häufig überfordert. Ich. Mein Stift. Mein Buch. Das ist eine neue Schlichtheit, die Menschen heute guttut. Die ihnen zeigt: Ich bin nicht abhängig von digitalen Produkten, ich genüge mir selbst, und ich mache etwas nur für mich. Das Papier wird zu einem engen Vertrauten und es entsteht ein Schutzraum, in dem ich alles ungefiltert loswerden kann.»
 
Wachsender Markt
Verfügbarkeit und Preis sind weitere Argumente, die für das Speichermedium Notizbuch sprechen. Ein Hardcover-Exemplar im Format A5 ist beim Diskonter bereits um 1,99 Euro zu haben, aber auch der Klassiker von Hersteller Moleskine im selben Format ist durchaus leistbar und in verschiedenen Ausstattungen ab 21,90 Euro erhältlich. Die Entwicklung von Moleskine bestätigt auch die anhaltende Nachfrage nach Notizbüchern. Das italienische Unternehmen konnte seinen Umsatz in den Jahren zwischen 2011 und 2021 mehr als vervierfachen, im Jahr 2022 lag er bei mehr als 143 Millionen Euro.
 
Auch der Vertriebsweg für Notizbücher bildet übrigens eine harmonische Symbiose zwischen Analog und Digital ab. So stellten im Jahr 2018 Notizbücher mit 80 Millionen Online-Käufern den zweitgrößten Absatzmarkt in Europas Onlinehandel dar. Der weltweite Notizbuchmarkt lag 2022 bei 45 Milliarden Euro und soll bis 2027 auf 67 Milliarden Euro anwachsen. Für den deutschen Markt wird bis 2027 ein Wachstum von 50 Prozent auf 9,3 Milliarden Euro prognostiziert (Quelle: Technavia). Daraus ergebe sich auch für Nischenanbieter ein interessantes Marktumfeld. Ein Beispiel dafür sind etwa «Die Kalendermacher» aus Wien, das im Vorjahr sein 100jähriges Bestehen feiern konnte. Das Unternehmen ist ebenfalls davon überzeugt, «dass unser digital gewordenes Leben analoge Auszeiten braucht». Als Treiber für das positive Marktumfeld sind aus Sicht der Geschäftsführerin, Julie Steinschaden, der steigende Fokus auf Ästhetik und Design, der Trend zur Personalisierung sowie die immer größer werdende Nachfrage nach nachhaltigen Produkten.
 
Individuelle Notizbücher für große Brands
Ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit brandbook 1998 das erste individuelle Notizbuch für Unternehmen auf den Markt brachte. Seitdem beeindruckt das Unternehmen mit Qualität, wegweisenden Ideen, interessanten Buchkonzepten. Bereits 2004 präsentierte man einen Online-Buchkonfigurator, über den Kunden ihre individuellen Vorstellungen sofort visualisieren können. Weitere Kreationen, mit denen das Unternehmen durch handwerkliche Kompetenz überzeugt, sind das Wendebuch oder das Anti-Handbag-Gummiband, der Einsatz von außergewöhnlichen Einbandmaterialien sowie der Motivfarbschnitt.
 
Nachhaltige Ideen
Neben den Klassikern versuchen in letzter Zeit auch Hersteller mit innovativen Ansätzen im Bereich Nachhaltigkeit am Markt zu reüssieren. So fertigt das Start-up 18Hoch2 Notizbücher aus recycelten Coffee-to-go-Bechern und Kladden aus verschiedenen Rohstoffen wie Bananen-, Hanf- oder Zuckerrohrpapier. Paperwise wiederum nutzt für die Produktion von Notizbücher und Blöcken landwirtschaftliche Abfälle, die etwa bei der Ernte von Reis oder Getreide anfallen. Löschbare Notizbücher aus Steinpapier – Rohmaterial ist Schotter – produziert das Unternehmen Moyu, die schweren Ringbücher sind wasser- und reißfest.
 
Alles Beispiele, die zeigen, wie agil und kreativ der Notizbuchmarkt nach wie vor ist und das es auch Chancen für Neueinsteiger gibt.
 
Ihr
Knud Wassermann,
Chefredaktor «Graphische Revue»
 
Fotocredit: @ brandbooks
 
24.01.2024 Knud Wassermann Chefredaktor «Graphische Revue»