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Fachartikel
Mit Tabloid gegen sinkende Auflagen
Der Erfolg der Gratis-Pendlerzeitungen zum einen und der eigene Auflagenschwund zum andern veranlassen immer mehr Zeitungen, den täglichen Kampf um die Leser mit dem Tabloid-Format aufzunehmen.

Es war für viele Engländer ein Kulturschock, als die seit 1986 erscheinende Tageszeitung «The Independent» am 30. September 2003 erstmals im Tabloid-Format herauskam. Zwar mussten die Stammleser damals noch nicht auf ihr liebgewonnenes Broadsheet-Exemplar verzichten, weil das Blatt während einer neunmonatigen Testphase in beiden Formaten und mit gleichem Inhalt gedruckt wurde.


Tabloid oder Broadsheet? Nicht nur bei starkem Wind am Strand hat das Kleinformat seine Vorteile.

«The Independent» gibts nur noch in der Tabloid-Version
Und dennoch: Tabloid im gleichen Atemzug wie Qualitätszeitung zu nennen – das schien bis dato nicht vereinbar. Schliesslich haben die englischen «tabloids» mit ihren Sex-and-Crime-Geschichten nicht eben das lauterste Image.
Aber spätestens nachdem neun Wochen später selbst die altehrwürdige, 1788 erstmals erschienene «The Times» neben dem klassischen Format auch eine kleinere Version herausgab, begannen in England viele Leser umzudenken. Und wer heute noch dem «Independent» treu bleiben will, der kommt um Tabloid gar nicht mehr herum. Denn am 14. Mai 2004 beendete die Zeitung das duale Experiment und gibt seither nur noch das Tabloid-Format heraus – im Gegensatz zur «Times», die immer noch in beiden Varianten an den Kiosken aufliegt.

Schnell steigende Akzeptanz
Während etwa Spanien, wo nach dem Tod des Diktators Franco im Jahr 1975 alle wichtigen Tageszeitungen auf das Halbformat wechselten, oder Norwegen längst Tabloid-Länder sind, müssen sich die Leser in anderen Ländern erst an das neue Format gewöhnen. Aber offensichtlich tun sie das sehr schnell. So stieg die Gesamtauflage des «Independent» nach der Lancierung von «Indy», wie das Mini-Format in England liebevoll genannt wird, um beachtliche 15 Prozent – auf eine Höhe, wie sie seit 1997 nicht mehr erreicht worden war. Und auch die «Times» hat ihre seit mehreren Jahren andauernde Talfahrt stoppen und immerhin um 1 Prozent zulegen können.

«Blick»: nur sechswöchige Testphase
Ähnliche Erfahrungen machte auch «Blick», die auflagenstärkste Schweizer Tageszeitung. Der Einzelverkauf des Boulevard-Blatts stieg nach der Lancierung einer Parallelausgabe im Tabloid-Format um über 5 Prozent. Wie «The Independent» kommt auch «Blick» heute nur noch im Tabloid-Format heraus. Allerdings lief die Testphase mit zwei Ausgaben beim führenden Schweizer Medienunternehmen Ringier wesentlich kürzer. Nach gerade mal sechs Wochen war das Broadsheet-Format bereits Geschichte. Tatsächlich stach das Tabloid-Format mit 69 Prozent die klassische Erscheinungsform am Kiosk klar aus.
Dennoch erachtet es Bernhard Weissberg, Leiter Konzernbereich Zeitungen bei Ringier, als wichtig, dass die Zeitung während anderthalb Monaten in beiden Formaten erschien: «Wir haben gezeigt, dass im grossen und im kleinen ‚Blick’ dasselbe drin ist.»

Die Gratiszeitungen machen es vor
Wegbereiter der neuen Tabloid-Welle waren die ursprünglich aus Schweden stammenden, heutzutage in vielen grossen Städten aufliegenden und vorwiegend mit Agenturfutter gefüllten Gratisblätter. So mauserte sich «20 Minuten» innerhalb weniger Jahre zur am zweitmeisten gelesenen Zeitung der Schweiz.
Vor allem jüngere Leute, die bisher keine Tageszeitung lasen, und Pendler fanden Gefallen am neuen Format. Dieses hat beim Zeitungslesen in Zügen, Trams und Bussen seine unbestreitbaren Vorteile. Denn eine Broadsheet-Zeitung «kann in ausgebreitetem Zustand nur von jemandem mit der Armspannweite eines ausgewachsenen Flugsauriers gehalten werden», wie kürzlich ein Medienjournalist leicht überzogen formulierte.

In 20 Jahren nur noch Tabloid?
Auch in Deutschland, dem führenden Zeitungsmarkt Europas, starteten in diesem Jahr die ersten Tabloid-Versuche. Marktführer Axel Springer lancierte am 24. Mai in Düsseldorf zum Kampfpreis von 50 Cent «Welt Kompakt». Der vorerst auf acht Wochen angesetzte Testlauf der abgespeckten Version der «Welt» wurde mittlerweile verlängert und auf weitere Ballungsgebiete ausgedehnt.

In Cottbus brachte die Verlagsgruppe Holtzbrinck am 10. Mai den Titel «20 Cent» im Tabloid-Format auf den Markt. Gestaltet wurde der Ableger der «Lausitzer Rundschau», gemäss eigenen Angaben Deutschlands preiswerteste Tageszeitung, von Mario Garcia. Für den bekannten amerikanischen Zeitungsdesigner gibt es keine Zweifel: «In 20 Jahren werden alle Zeitungen im Tabloid-Format erscheinen.»

Sicheres Einstecken auch beim Tabloid-Format
Müller Martini weist bei der Produktion von Tabloid-Zeitungen eine – insbesondere vom spanischen Markt herrührende – reiche Erfahrung auf. So werden die Zeitungen im «NewsLiner-A» und «SLS3000» zum einen sicher und schonend in der Tasche positioniert und mit den Klammern festgehalten. Zum andern zeichnen sich die beiden Hochleistungs-Einstecksysteme durch einen sicheren Öffnungsvorgang aus. Das lineare Einstecksystem ermöglicht ausserdem die Beschickung von beiden Seiten. Dank der einzigartigen Taschenkonstruktion kann der an der letzten IFRA in Leipzig erstmals der europäischen Öffentlichkeit vorgestellt «SLS3000» selbst umfangreiche Wochenendausgaben mit bis zu 1200 Tabloid-Seiten produzieren.

Tabloid als «Zeitung in der Zeitung»
Einen dritten Format-Weg geht in der Schweiz die zum Verbund «MittellandZeitung» gehörende «Aargauer Zeitung», die in Aarau in einem Versandraum von Müller Martini produziert wird. Seit dem 1. Mai 2004 erscheint der Mantel zwar weiterhin im Broadsheet-Format, die Regionalausgaben hingegen werden als Tabloid beigelegt. «Wir wollen mit dem neuen Format», so Chef vom Dienst Mani Pfulg, «unseren Regionen noch grösseres Gewicht verleihen.» Die «Zeitung in der Zeitung» kommt bei der Leserschaft gut an. Mani Pfulg: «Die Reaktionen auf das neue Format sind überwiegend positiv.»
Die Regionalausgaben werden zwischen 18 und 22.30 Uhr gedruckt, auf das Puffer- und Lager-System «FlexiRoll» von Müller Martini aufgerollt, nach Mitternacht wieder abgerollt und dem Hauptblatt zugeführt. Mit dem neuen Format hat die «AZ» ausserdem beim Druck eine halbe Stunde gewonnen, so dass die Zeitung noch aktueller geworden ist.

 

 

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Zeitungsleser am Strand


 

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